
ARTIKEL-ARCHIV
Männer, Macken, Märklin - die 50er Jahre
„Wir gehen jetzt zu Lothar, um mit der Eisenbahn zu spielen.“ Dieser Satz ist an sich nichts Ungewöhnliches, aber was sich wie ein Abschiedsgruß eines Jungen an seine Mutter anhört, hat einen etwas anderen Hintergrund. Das Besonders daran ist: Der Junge Maximilian geht nicht alleine los, sondern wird von seinem Vater begleitet, der ihn immerhin mit dem Eisenbahn-Bazillus infiziert hat. Und Lothar ist nicht der gleichaltrige Schulfreund von Max, sondern ein Sammlerkollege des Vaters. Und er hat nicht etwa eine dieser modernen Märklin Digitalanlagen ... nein, die Plastikzeiten sind vorbei! Digital, das war einmal. Alles wieder verkloppt und „defier woas Gescheites gekaaft.“ (Originalton Lothar).
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Blick über den Hauptteil der Anlage vom Fahrpult aus. Vorne die Abstellgleise, die vom Ablaufberg beschickt werden können. In der Bildmitte sieht man die Zufahrt zur Drehscheibe, links davon ist der Märklin Spur 0 Bahnhof und die Bahnhofshallen. Der Bahnhof passt aufgrund seiner Größe viel besser zur Spur 00. Im Hintergrund verläuft die lange Blechbrücke diagonal über die Platte. Sie führt zum noch nicht fertiggestellten kleineren Anlagenflügel. |
Zweimal kurz geklingelt und Lothar öffnet die Haustüre. Freundliches Hallo, Jacken ablegen und gleich in Richtung Anlage. Was hier steht, kann sich sehen lassen! Altes Märklin der Fünfziger Jahre vom Feinsten auf einer topsauber gebauten Anlage im alten Stil auf grauer Holzplatte und ohne Landschaft. Ein Fahrmonster mit unendlichen Schienenwegen.
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Die Blechbrücke überspannt die Zufahrtsgleise zur Drehscheibe, hinter der ein doppelter Blechlokschuppen steht. |
Im Grundkonzept ist die Anlage in L-Form gehalten. Außen herum laufen zwei Paradestrecken, die über Weichen miteinander verbunden sind. Da das Märklin Dreileiter Konzept Kehrschleifen erlaubt, wurde ein Gleisdreieck eingebaut, über das man auch lange Züge wenden kann. Auf beiden Strecken müssen die Züge lange Steigungen überwinden. Der Fahrbetrieb läuft auf zwei Höhenebenen. Die innere Paradestrecke zweigt in eine lange Blechbrücke ab, die den großen Anlagenflügel diagonal überspannt.
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Die Blechbrücke alleine ist schon Grund genug, eine solche Anlage zu bauen. Wenn die Schnellzüge darüberdonnern, schlägt das Herz der Märklinfahrer höher |
Sie führt über die Abstellgleise für E-Loks und Personenwagen, die Zufahrt zum Dampflok Betriebswerk mit Drehscheibe und zwei dreiständige Ringlokschuppen auf den kleineren Anlagenteil. Dieser ist noch im Aufbau befindlich und wird später über einen Nebenstreckenbahnhof und weitere Abstellgleise verfügen. Außerdem ist hier eine weitere Wendemöglichkeit vorgesehen, die den Zug wahlweise in einer Schleife zurückführt.
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Raritäten, soweit man schaut. Zwei ST800, MS800, DL800. Eine historische Anlage lebt aber auch durch das passende Zubehör, das hier wirkungsvoll eingebaut ist. |
Von den Paradestrecken kann man auf den inneren Kreis wechseln, der wiederum separat geregelt wird und sogar über eine funktionierende Oberleitung verfügt. Dieser innere Kreis hat eine Übergangsmöglichkeit zur Drehscheibe zu und den Abstellgleisen. Dort kann mittels eines Ablaufberges jeder Zug neu zusammengestellt werden. Diese Anlage hat unglaublich viele Spielmöglichkeiten. Damit man diese voll nutzen kann, steht fast das gesamte Märklin Programm der Fünfziger Jahre zur Verfügung.
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Die doppelte Bahnhofshalle von Märklin bei Nacht. Der Vorkriegs-Personenzug aus 340er Wagen wird von einer HR800 gezogen. Rechts kann man noch einen Schürzenwagenzug erkennen. |
Im Bahnhof stehen Blechzüge mit allen möglichen Lokomotiven nebeneinander zur Abfahrt bereit. DL800 vor einem Personenzug mit Schürzenwagen, HR800 Vorkriegsversion vor 340er Wagen, RE800 vor einem Schweizer Zug der BLS. Der Lokschuppen ist besetzt mit TT800, TP800, SK800, HR800 und anderen Topmodellen, die von Sammlern heute so gesucht sind. Im Dunkeln leuchten viele alte Gusslampen mit Blechbahnhöfen um die Wette. Ein Christbaum ist nichts dagegen.
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Der Märklin Fahrdienstleiter gibt das Signal zur Abfahrt für zwei ST800. |
Betritt ein neuer Besucher zum ersten Mal dieses Zimmer, so ist er geradezu sprachlos vor Eindrücken. Man braucht Stunden, um alle Details zu erfassen. Noch beindruckender ist natürlich der Fahrbetrieb. Sechs Transformatoren und eine ganze Batterie von Schaltkästen sind notwendig, um die Anlage zum Leben zu erwecken. Sobald der alte Märklin Fahrdienstleiter die Kelle hebt, donnert der erste Express aus dem Bahnhof, durch die lange Kurve und die Steigung hoch. Unser langer ST800 mit den flachen Kardanwellen entwickelt hier an der Rampe einen Höllenlärm, als bei voller Beschleunigung gleichzeitig mehrere Antriebsachsen durchdrehen.
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Der Rangierbahnhof vor dem Ablaufberg. Dahinter ist die Rampe zu sehen. Hier bekommt man einen Überblick über das Märklin-Programm der 50er Jahre. |
Oben angekommen, löst er über einen Kontakt das Pfeifstellwerk aus. Es hat einige Mühe, das Fahrgeräusch der rollenden Züge zu übertönen. Im Schiebebetrieb bergab hört man des Klingeln der Kardanwellen, was mir ganz besonders gefällt. Sowas kann man doch nicht zur Vitrinenhaft verdonnern.
Im gleichen Moment zieht eine G800 gemächlich den endlos langen Blechgüterzug auf den kleineren Anlagenteil. Dies geschieht in konstanter Geschwindigkeit, unermüdlicher Manier und hell leuchtender Frontbeleuchtung, so dass der Umriss der Hochbauten große Schatten an die Wand wirft. Über die Blechbrücke geht es dann bergab mit deutlichem Rauschen und Klappern durch den Bahnhof. Die hochstehenden, roten Schlusslichter des Wagens am Zugschluss verschwinden langsam am Bahnhofsausgang in die Dunkelheit. Der Betrachter schaut noch eine Weile hinterher. Es dauert eine ganze Zeit, bis der Güterzug an einem anderen Anlagenteil wieder auftaucht. Fast so, wie im richtigen Leben.
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Der Gusswagenzug erhält Vorspann von zwei Krokodilen. Daneben das Entkupplungsgleis des Ablaufberges und der kleinere Lokschuppen für die E-Loks. Im Hintergrund ist die Rampe der beiden Paradestrecken zu sehen. Sie steigt von rechts nach links an und führt am linken Bildrand unter der Signalbrücke hindurch. Aus diesem Blickwinkel sieht man die Abzweigung der Blechbrücke, die zum kleineren Anlagenteil führt. Dieser wird demnächst fertiggestellt. |
Spätestens jetzt merken anwesende Schaukastensammler, was sie eigentlich verpassen, wenn sie diese Züge nicht laufen lassen. Sie kennen zwar jede Schraube der Modelle und alle Varianten, aber wissen nicht, wie sehr sich ein CCS800 mit Haftreifen im Fahrbetrieb vom früheren Modell unterscheidet. Überhaupt ist die lange Rampe der Augenblick der Wahrheit für die alte Technik. Jeder zusätzlich Schleifer an den beleuchteten Personenwagen kostet Antriebskraft. Bei sechs oder sieben Wagen macht das einen großen Unterschied in der Steigfähigkeit der Züge. So braucht man nun tatsächlich Doppelttraktionen, wo einzelne Loks in der Ebene noch ausreichend waren.
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Blick vom Wasserturm in Richtung Fahrpult am Schürzenwagenzug vorbei |
Bemerkenswerterweise schlagen sich unsere G800 besser, als die alten Krokodile, solange sie jeweils ohne Haftreifen antreten. Die Maschinen mit Haftreifen sind ohnehin über jeden Zweifel erhaben und ziehen einfach alles, solange das Material der Reifen noch nicht verhärtet ist. Eine HS800 ist mit vier langen 350ern schon an der Grenze, während sich die HR etwas besser schlägt, obwohl doch beide Typen das gleiche Basisfahrwerk ohne Haftreifen besitzen.
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Der große Märklin Blechbahnhof ist der optische Mittelpunkt der Anlage. |
Bemerkenswerterweise schlagen sich unsere G800 besser, als die alten Krokodile, solange sie jeweils ohne Haftreifen antreten. Die Maschinen mit Haftreifen sind ohnehin über jeden Zweifel erhaben und ziehen einfach alles, solange das Material der Reifen noch nicht verhärtet ist. Eine HS800 ist mit vier langen 350ern schon an der Grenze, während sich die HR etwas besser schlägt, obwohl doch beide Typen das gleiche Basisfahrwerk ohne Haftreifen besitzen.
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Der Lokschuppen im Detail. Alle Dampflokomotiven stammen aus den 50er Jahren. Der kleinere Lokschuppen am rechten Bildrand ist für E-Loks reserviert. Der Wasserturm aus Blech mit Bekohlungsareal ist ein gelungener Eigenbau im alten Stil. |
Der Versuch, mittels Drehscheibe die richtige Lok in der gewünschten Richtung vor den richtigen Zug zu bringen, zeigt uns ernüchternd die schwierige Aufgabe der echten Bahn. Da ist Nachdenken und Planen angesagt. Expertenpannen sorgen für aufgeheiterte Stimmung. Es ist und bleibt eine Spielerei im besten Sinne. Beim Versuch, über den Ablaufberg den richtigen Güterzug zusammenzustellen, blamiert sich der nächste Fahrer. Kommentare dazu gibt’s kostenlos. Alles nicht so einfach, wie es aussieht, denn die Weichen schalten bei jedem Wagendurchlauf auf das nächste Gleis. Mitunter rollen auch mal zwei Wagen gleichzeitig los oder die Position der TM800 über dem Entkupplungsgleis muss korrigiert werden. Saftige Bocksprünge der Lok mit dem originalen 800er Umschalter machen das zur Schwerstarbeit. Hinten an der Wand grinst ein Trix Express Fahrer. Der blamiert sich später noch. Na warte nur, du Schienenputzer!
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Im Vordergrund die erste Version des klassischen Drehkranes. Das Stellwerk kommt erst mit Beleuchtung zur vollen Wirkung. |
Da die Fahrkreise elektrisch voneinander getrennt sind, bekommt jeder Besucher seinen eigenen Zug zugeteilt. Auch nach mehrstündiger Fahrt, lässt die Faszination nicht nach. Für Außenstehende mag das alles etwas ungewöhnlich aussehen. Tja, Männer, Macken, Märklin. Aber der Homo Spielbahnensis ist eine besondere Sorte, die sich durch Nichts und Niemanden erschüttern lässt. Andere sitzen an diesem Abend vor der Glotze und sehen die achtunddreißigste Wiederholung eines Spielfilmes, hier aber geht wenigstens was ab. Züge werden gewechselt, mitgebrachte Modelle aufgegleist.
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Vorne ein Kibri Güterschuppen. Die wenigen Kuststoffwagen dienen dem Testbetrieb am Ablaufberg und werden noch durch Gusswagen ersetzt. Das richtige Gefälle des Ablaufberges war nicht einfach herauszufinden. |
Viel zu schnell geht der Abend vorbei und wir verabschieden uns bis zum nächsten Mal.
Bleibt abzuwarten, wie der kleinere Anlagenteil nach Fertigstellung aussieht. Ob alte Faller Holzhäuser oder kompromisslos Blechbauten? Wir werden sehen. Und was sagt Maximilians Mutter dazu: Na ja, die Männer haben zwar eine Macke mit ihrer Eisenbahn, aber so machen sie wenigstens keinen Unfug und man weis, wo sie sich herumtreiben.
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Bilder in der Vergrößerung
erschienen: Heft Nr. 4, 3 Jg. - 15. August 2005
Autor: Peter Berg





























